Welche Kajakgröße ist die richtige für mich?

Im letzten Beitrag habe ich dir verschiedene Kajakarten vorgestellt. Wenn du dich für eine Kajakart entschieden hast, stellt sich aber gleich die nächste Frage: Welche Kajakgröße ist die richtige für mich? Egal ob Wanderkajak, Wildwasserboot oder schlankes Seekajak: fast alle Kajakarten werden in verschiedenen Größen angeboten. Kanu zum Frühstück hilft dir dabei, dich im Dschungel der Kajakgrößen zurecht zu finden.

Was bedeutet „Kajakgröße“ eigentlich?

Größe ist bei Kajaks ein Wort mit vielen Bedeutungen. Du kannst ein Kajak leider nicht einfach in S, M, L, und XL einteilen und sagen „Ich benötige die Kajakgröße L“. Zuerst einmal kommt es auf die Kajakart an. Ein großes Wildwasserkajak wirkt gegen ein kleines Wanderkajak immer noch klein. Und ein schlankes, schmales Seekajak wirkt viel „zierlicher“ als ein klobiger Wildwasser-Creeker, obwohl es oftmals doppelt so lang ist. Beim Thema Größe gibt es vier wesentliche Unterscheidungsmerkmale bei Kajaks: Länge, Auftrieb, Zuladungsvolumen und Luke. Anhand dieser vier Kriterien werden bei allen Kajaks die Größen unterschieden. Dabei ist es egal, ob du nach einem Wildwasserkajak, einem Seekajak, einem Touringkajak oder einem Rennkajak suchst. Um zu wissen, was die richtige Größe für dich ist, musst du wissen, wofür du das Kajak einsetzen möchtest. An ein Kajak für Mehrtagestouren stellst du sicherlich andere Ansprüche als an ein Playboat oder Surfski.

verschiedene Kajaks mit verschiedenen Größen
Welches dieser Kajaks ist jetzt „groß“ und welches „klein“?

Grundsatz der Kajakgröße: „Länge läuft“

Das ist eine Grundregel im Bootsbau: „Länge läuft“. Auch wenn es die physikalischen Prozesse sehr stark vereinfacht, kann man grundsätzlich sagen: je länger ein Boot ist, desto schneller ist es. Der Grund ist die sogenannte „Rumpfgeschwindigkeit“, die angibt, wie schnell ein Boot maximal fahren kann, wenn es nicht auf der Wasseroberfläche gleitet. Versuchst du mit dem Boot schneller zu fahren, fährst du von hinten auf deine eigene Bugwelle und verschwendest Kraft, ohne schneller zu werden. Die Rumpfgeschwindigkeit hängt allerdings nicht nur von der Bootslänge, genauer gesagt: der Wasserlinie, ab. Vor allem das Verhältnis von Länge (der Wasserlinie) zu Breite ist entscheidend. Ein langes und schmales Boot ist schnell, ein kurzes und breites ist langsam. Damit ist bereits klar, dass Seekajaks deutlich schneller fahren können als Wildwasserkajaks. Wenn du also viel Strecke machen möchtest, ist ein langes Kajak von Vorteil, dann kommst du schneller voran. „Lang“ bedeutet allerdings auch „nicht wendig“. Wenn es also um enge Kurven geht, solltest du eher ein Kajak mit einer kürzeren Wasserlinie wählen.

Kajakgröße meint bei einem Seekajak vor allem die  Länge der Wasserlinie
Eine lange Wasserlinie sorgt für gutes Tempo.

Breite – Stabilität vs. Geschwindigkeit

Neben der Rumpfgeschwindigkeit ist die Breite eines Bootes noch für zwei andere Dinge wichtig. Zum einen sorgt – je nach Rumpfform – Breite für Stabilität. Wenn du also ein Boot möchtest, das möglichst wenig kippelig ist, solltest du dich für ein eher etwas breiteres Kajak entscheiden. Schnellere Kajaks (die mit der höheren Rumpfgeschwindigkeit) sind eher etwas schmaler, und damit auch kippeliger. Eine Extremform sind Rennkajaks. Diese sind, ohne zu fahren, fast nicht aufrecht zu halten. Zum anderen darf ein Kajak aber nicht so breit sein, dass du deine Paddelblätter nicht mehr ins Wasser bekommst. Selbst mit einem sehr langen Paddel sind der Kraftübertragung vom Wasser aufs Boot Grenzen gesetzt, wenn das Kajak zu breit ist. Je sportlicher du paddeln möchtest, desto eher wirst du auf etwas Breite beim Kajak verzichten wollen, um eher eine effiziente Paddeltechnik verwenden zu können. Die Breite eines Kajaks ist also immer ein Kompromiss zwischen Paddeltechnik, Geschwindigkeit und Stabilität.

Drei Kajaks mit verschiedenen Größen: lang und schmal, kürzer und breiter und viel Kielsprung
Ein langes und schmales Kajak ist schneller, ein kürzeres und breiteres Kajak wendiger und stabiler

Volumen, Teil 1: Auftrieb

Das Volumen eines Kajaks bestimmt wie viel Wasser es verdrängen kann. Die Masse des verdrängten Wassers nennen wir Auftrieb. Und hier ist es tatsächlich ganz einfach: je mehr Auftrieb dein Kajak hat, desto höher schwimmt es auf dem Wasser und desto besser taucht es wieder auf. Letzteres ist vor allem im Wildwasser und für Seekajaks bei Wellengang wichtig. Hier taucht der Bootsrumpf tatsächlich manchmal tiefer ein und dann möchtest du, dass er schnell und stabil auch wieder auftaucht. Unter diesem Aspekt könnte man also vermuten, dass bei einem Wildwasserkajak und bei einem Seekajak großes Volumen immer besser ist. Doch wenn dein Kajak zu hoch im Wasser schwimmt, also zu viel Auftrieb für die Form hat, kannst du es nicht mehr präzise fahren. Du verschwendest dann Energie damit, unkontrolliert Kreise zu fahren oder dich aus Situationen zu befreien, in die du gar nicht kommen wolltest. Die Form eines Kajaks ist für eine bestimmte Wasserlage entwickelt. Wenn du zu weit davon abweichst, kann es passieren, dass das Kajak nahezu unkontrollierbar wird. Zu viel Auftrieb ist also auch nicht gut. Die Kajakhersteller geben als Kajakgröße normalerweise einen Bereich für das Paddlergewicht an, für den ein Kajak geeignet ist. Diese Angabe bezieht sich auf den Auftrieb. Liegst du deutlich darunter, hast du vermutlich zu viel Auftrieb. Bist du deutlich schwerer als der angegebene Bereich, taucht das Kajak sehr tief ein und hat in bewegtem Wasser möglicherweise nicht genug Auftrieb, um stabil aus Wellen oder Walzen aufzutauchen.

Kajakgröße im Wildwasser: Volumen erzeugt Auftrieb
Je wilder das Wasser wird, desto wichtiger wird der Auftrieb des Kajaks.

Volumen, Teil 2: Zuladung

Wenn du mit dem Kajak nicht nur Tagestouren planst, sondern auch einmal mit Gepäck unterwegs sein willst, ist die Zuladung des Kajaks wichtig. Auch hier spielt das Volumen des Kajaks eine große Rolle. Je mehr Volumen ein Kajak hat, desto mehr Gepäck kannst du im Boot mitnehmen. Touring- und Seekajaks haben typischerweise Gepäckluken vor und hinter dem Cockpit, während Crossover-Kajaks nur ein Gepäckfach im Heck besitzen. Je mehr Gepäck du mitnimmst – also je schwerer dein Kajak wird – desto mehr Auftrieb benötigst du auch. Da beides über das Volumen des Kajaks bestimmt wird, brauchst du dir darüber normalerweise wenig Gedanken zu machen. Allerdings geben viele Hersteller neben dem empfohlenen Paddlergewicht auch noch ein Gesamt-Zuladungsgewicht an. Das beschreibt, wie schwer die Kombination aus Paddler und Gepäck maximal sein sollte, um mit der Kajakgröße noch genug Auftrieb zu haben. Bist du zusammen mit deinem Gepäck schwerer als dieses Zuladungsgewicht, kann es sein, dass dein Kajak so tief im Wasser liegt, dass dieses über den Süllrand ins Cockpit oder auf die Spritzdecke läuft. Für ein Kajak, mit dem du Mehrtagestouren planst, benötigst du also ein deutlich größeres Volumen als für deinen Daytourer, in dem du kein Gepäck mitnimmst.

Auf einer Mehrtagestour muss das gesamte Reisegepäck ins Kajak passen.

Auch Teil der Kajakgröße: Luke ist nicht gleich Luke

Wenn es um die Kajakgröße geht, ist eine Sache ganz entscheidend: du musst in das Kajak hineinpassen. Außer bei Sit-on-Tops und offenen Freizeitkajaks bedeutet das, dass die Cockpitluke groß genug sein muss, dass du deine Beine hineinbekommst und darinsitzen kannst. Gleichzeitig darf die Luke aber nicht so groß sein, dass du keinen Kontakt zum Boot hast. Kontaktpunkte sind hierbei neben der Sitzfläche die seitlichen Hüften, die Oberschenkel (an den Schenkelstützen, sofern das Kajak welche hat) und an den Füßen. In einem Kajak, das zu dir passt, hast du an all diesen Punkten guten Bootskontakt, ohne dich eingeengt zu fühlen. Das Ein- und Aussteigen sollte natürlich auch bequem und ohne allzu große Verrenkungen funktionieren. Um mit dem Kajak effizient paddeln zu können, sollte der Süllrand – also der obere Teil der Cockpitluke – nicht höher als deine Hüfte sein. Andernfalls ist das Kajak zu groß für dich und du kannst es nicht gut kontrollieren.

Insbesondere für den (Wieder-) Einstieg ist eine große Luke von Vorteil.

Fazit

Um eine Antwort auf die Frage „Welche Kajakgröße ist die richtige für mich?“ geben zu können, musst du als erstes entscheiden, wo du typischerweise paddeln möchtest. Suchst du nach einem Wildwasserkajak, einem Touringkajak für Flüsse jeglicher Größe, oder ein Seekajak für Küste und Meer? Dann kommt es auf die vier beschriebenen Faktoren an: Länge, Breite, Volumen und Luke. Lang bedeutet schnell, kurz bedeutet wendig. Breit bedeutet stabil, schmal bedeutet sportlich. Viel Volumen bedeutet viel Auftrieb und Zuladung, wenig Volumen bedeutet eher sportlich und für kurze Touren. Die Luke muss zu dir und deiner Sitzposition im Kajak passen. Und das bekommst du nur auf eine einzige Art heraus: indem du dich in das Kajak hineinsetzt. Auch hinsichtlich Länge, Breite und Volumen solltest du ein Kajak vor dem Kauf auf jeden Fall ausprobieren, um zu wissen ob es wirklich zu dir passt. Nur mit der richtigen Kajakgröße wirst du dich auf dem Wasser auch wohlfühlen.

Lars Klüser
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